Kunststoff & Umwelt

12. Dezember 2023 · 10 Min. Lesezeit

Plastik-Recycling – gut oder nutzlos für die Umwelt?

Am 30. November 2023 wurde in Zürich der Verein RecyPac gegründet. Akteure entlang der ganzen Wertschöpfungskette haben sich zusammengeschlossen, um in der Schweiz ein nationales, harmonisiertes System für die Sammlung und das Recycling von Plastikverpackungen und Getränkekartons aufzubauen.

Hand wirft einen Plastikbeutel in einen grünen Sammelbehälter voller Kunststoffflaschen
Shutterstock

Lohnt sich Kunststoff-Recycling ökologisch?

Ja – die Bilanz ist positiv, aber kleiner als oft erhofft. Bei einer realistischen Recyclingquote von 31 Prozent sinkt der Fussabdruck des Schweizer Kunststoffsystems um rund 1,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr. Recycling ersetzt keine Vermeidung, es ergänzt sie.

Stand der Dinge. Dieser Beitrag entstand im Dezember 2023 zur Gründung des Vereins RecyPac. Die nationale Sammlung für Plastikverpackungen und Getränkekartons ist seit Januar 2025 im Aufbau; die hier genannten Quoten und Bilanzen beziehen sich auf den Stand von 2023.

Was bringt Recycling für das Klima?

Der durchschnittliche CO₂ Fussabdruck von Kunststoffen über den gesamten Lebenszyklus ohne Recycling beträgt 4.9 kg CO₂ eq. pro kg Material. Dieser Wert dürfte sogar im Steigen begriffen sein, da in den Herstellländern der Rohstoffe immer mehr Kohlenkraftwerke eingesetzt werden.[1]

In der Schweiz verursacht das Kunststoffsystem 5.4 Millionen Tonnen CO₂ eq., was 4.7% des gesamten Schweizer CO₂ Fussabdrucks entspricht. Bei einer Recyclingrate von 31% (Verpackungen 63%) - welche mittelfristig als realistisch über alle Produkte betrachtet wird - würde dieser Wert auf 4.0 Millionen Tonnen sinken, also um 1.4 Millionen Tonnen.[1]

Die alte Geschichte mit dem Entrecôte

Was macht die oben ausgeführte Reduktion nun auf eine einzelne Person in der Schweiz aus? Ist der Umweltnutzen so gering wie nachstehend beschrieben:

«Wenn eine Person in der Schweiz ein Jahr lang 70 Prozent ihres Plastikabfalls separat sammelt, entsteht ein ökologischer Nutzen, der dem Verzicht auf ein Rindsentrecôte entspricht»[2]

Überprüfen wir diese Aussage:

Die Einsparung durch den Verzicht eines Steaks

Beim Rindfleisch entstehen insgesamt 13.3 kg CO₂ eq. pro kg Fleisch.[3]

Wenn wir weiter von einem Gewicht von 250 g für das Entrecôte ausgehen, können durch den Verzicht auf eine Portion 3.33 kg CO₂ Emissionen eingespart werden.

Rohes Rindssteak mit Rosmarin auf einer Schieferplatte
Belebte Fussgängerzone in einer Innenstadt
Bild: Martin D Brown / Shutterstock.com

Die Einsparung durch das Recycling von 70% des Plastikabfalls einer Person

Berechnen wir zunächst die CO₂ eq. Einsparung, wenn der ganze Plastikabfall recycelt wird:

BasisdatenWertEinheit
Siedlungsabfall (Plastikverpackungen)[4]225’000Tonnen
Anzahl Bewohner:innen Schweiz[5]8’865’270Personen
Anteil Siedlungsabfall Plastik pro Kopf und Jahr (A)25.38Kilogramm
Emissionsfaktoren lineares SystemWertEinheit
Emissionsfaktor Rohstoff-Verarbeitung-Entsorgung (linear)[1] (B)4.9
Total CO₂ eq. Emissionen pro Person und Jahr [(A)x(B)]124.36Kilogramm
Emissionsfaktoren zirkuläres RecyclingsystemWertEinheit
Emissionsfaktor Recycling[6]0.5600
Emissionsfaktor erneute Verarbeitung[7]0.9475
Emissionsfaktor Rezyklat-Verarbeitung-Recycling (zirkulär) (C)1.5075
Einsparung zirkuläres vs. lineares SystemWertEinheit
Netto Einsparung Emissionsfaktor bei Recycling [(B)-(C)] = (D)3.3925
CO₂ eq. Einsparung pro Kopf und Jahr [(A)x(D)]86.10Kilogramm

Wenn 70% davon eingespart werden durch Recycling, ergibt dies 60.3 kg CO₂ eq. weniger CO₂ eq.. Das sind fast Zwanzig mal mehr Einsparungen als durch den Verzicht eines Steaks.

Oder anders gesagt: das Entrecôte müsste 4.5 kg schwer sein! Das ist eine ganze Menge.

Der Jahresverbrauch an Rindfleisch lag 2022 in der Schweiz nämlich bei 13.15 kg pro Kopf.[8]

Das heisst, die Einsparung durch 70% Recycling entspricht einem Drittel des jährlichen Rindfleischverbrauchs einer Person in der Schweiz, und nicht einem einzigen Entrecôte.

Recycling ist anerkannt als Teil der Lösung

Eine Studie, welche die Auswirkungen des Kunststoffsystems auf die Systeme der planetaren Grenzen untersucht, kommt zum Schluss:

«Increasing recycling rates tackles all pillars of the triple planetary crisis addressed by the United Nations Environment Programme agreement.» und: «Recycling is the key towards environmentally sustainable plastics as it keeps virgin production to a minimum.»[9]

Das sieht auch die Politik so, neue Regularien wie beispielsweise die Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle oder die Altautoverordnung sehen Recyclingquoten bzw. Rezyklateinsatz vor.

Recycling wird in Zukunft noch besser

Eine Studie der Stockholmer Umweltberater Material Economics zeigt Szenarien auf, in denen der Emissionsfaktor für recycelten Kunststoff über die ganze Lebensdauer auf 0.1 kg CO₂ eq. auf 1 kg Material fällt, wenn das System optimal ausgestaltet wird (dekarbonisiertes Energiesystem)[10]:

Herstellungswegt CO₂ je t Kunststoff
Primärkunststoff, 20175.1
Primärkunststoff, 20504.8
Primärkunststoff mit erneuerbarer Energie3.7
Mechanisches Recycling, tiefe Qualität, 20171.4
Mechanisches Recycling, hohe Qualität, 20500.1
Chemisches Recycling1.0
Emissionsintensität der Kunststoffherstellung: Herstellung und im Material gebundene Emissionen zusammenQuelle: Material Economics (2021), Exhibit 3.4 [10].

Sogar Extinction Rebellion sieht Recycling als Teil der Lösung

Extinction Rebellion ist eine Organisation, deren Aktivisten im Kampf gegen die Klimakrise mit Aktionen auch im Bereich des zivilen Ungehorsams agieren und so Aufmerksamkeit für dieses dringende Umweltproblem schaffen.

Extinction Rebellion schreibt auf seiner Website:

«Gute Nachrichten! Die Wissenschaft hat schon einige Jahrzehnte an Lösungen gearbeitet: Für jede Frage und jedes Problem liegt schon ein Plan auf dem Tisch. Wir zeigen hier nur einige Beispiele, der ganze Werkzeugkasten ist um einiges grösser! Die eigentliche Aufgabe ist es, die Lösungen rechtzeitig umzusetzen»[11]

Und sie verweist auf ihrer Website auf das Project Drawdown. Dort werden für alle Sektoren Einsparpotenziale für den Treibhausgasausstoss genannt.

Insgesamt – über alle Produkte und Sektoren - könnten durch entsprechende Massnahmen im Zeitraum 2020-2050 1637.26 Gigatonnen CO₂ eq. eingespart werden. [12]

Im Bereich der Kunststoffe wird Recycling auch als Lösungsansatz genannt, womit im gleichen Zeitraum 1.69 Gigatonnen CO₂ eq. vermieden werden könnten.[12]

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die drastische Reduktion im Kunststoffverbrauch ebenfalls als notwendige Massnahme genannt wird und sogar noch einen grösseren Klimaeffekt hat als Recycling.[12]

Demonstrationszug von Extinction Rebellion mit dem Transparent «Act Now»
Bild: Karl Nesh / Shutterstock.com

Also freie Fahrt für Einwegprodukte?

Mehrwegprodukte sind in vielen Fällen ökologischer als Einwegprodukte. Hier sollte eine Umstellung erfolgen. Die Grundlage dafür muss ein wissenschaftlich belastbares Life Cycle Assessment sein.

Eine generelle Ablehnung von Einweg zu Gunsten von Mehrweg, wie dies einige NGOs fordern, kann zu höheren Umweltbelastungen führen, wenn beispielsweise lange Transportwege und aufwendige Reinigungsverfahren notwendig sind. Letztere ergeben sich aus den Hygieneanforderungen, insbesondere bei Lebensmitteln.

Das sieht auch das europäische Parlament so und hat sich in der Plenarabstimmung vom 22. November 2023 über die neue Verpackungs- und Verpackungsabfallverordnung PPWR folgende Änderung hinsichtlich obligatorischer Reuse-Quoten entschieden:

«14a. … Economic operators shall be exempted from the obligation to meet the targets in this Article if reuse is not the option that delivers the best overall environmental outcome on the basis of such a life cycle assessment.»[13]

Auch innerhalb der zweiten Instanz, die sich mit der Vorlage befasst, gibt es Zweifel: im Rat der Europäischen Union äussern sich 10 Mitgliedstaaten – darunter Italien, Finnland und Tschechien – ebenso für einen Life Cycle Assessment Ansatz:

«Reusable packaging is not always suitable nor the optimal solution for all materials and product categories. Reuse and refill targets should be considered only for products where reuse and refill are technically and practically feasible and provide a measurable environmental benefit compared to single-use alternatives.»[14]

Und auch die Ellen McArthur Foundation anerkennt trotz Vorzug von Verzicht und Mehrweg, dass nicht alle Kunststoffanwendungen in Mehrweg gelöst werden können und schlägt Recycling als eine der Verwertungsoptionen vor:

« Innovate to ensure that the plastics we do need are reusable, recyclable, or compostable.»[15]

Was also tun?

Ein Mix von Massnahmen verspricht die beste Lösung:

Reduce

Der Materialeinsatz soll auf das technisch notwendige minimiert werden. Kein unnötiger Kunststoffeinsatz, keine Überverpackung.

Grössere Packungsformate können bei nicht-verderblichen Gütern (wie beispielsweise Duschgel) eine signifikante Verbesserung des Verhältnisses Materialeinsatz zu Menge an Füllgut bringen und den Kunststoffbedarf deutlich senken.

Ebenso Nachfüllpackungen aus dünnem, flexiblen Material. Es muss aber darauf geachtet werden, dass möglichst Mono-Material verwendet wird, um die Recyclingfähigkeit nicht zu gefährden.

Drei Standbodenbeutel mit Ausgiesser, einer beschriftet «Stehbeutel aus PE-Monomaterial»

Reuse

Für viele Anwendungen bieten Mehrweglösungen die ökologisch bessere Alternative. Ein gutes Beispiel ist das ReCircle System im Take Away Verpflegungsbereich.

Weiteres Beispiel: mit Kunststoffpaletten lassen sich wesentlich mehr Umläufe erzielen als mit Holzpaletten. Auch bei Transportverpackungen halten Kunststoffkisten lange und bieten eine gute Alternative zu Einweg-Kartonnagen. Die Post macht sich dies auch zu Nutze mit den gelben Dispoboxen.[16]

Wie bereits beschrieben sollte ein belastbares LCA Daten und Ergebnisse liefern, aufgrund derer entschieden werden kann, ob die Mehrwegalternative ökologische Vorteile bietet, was in vielen Fällen so ist.

Curry mit Reis und Gemüse in einer Mehrwegschale

Recycle

Dort, wo Einweglösungen ökologisch am besten abschneiden, soll das Material im Kreislauf gehalten werden.

Hierzu gibt es verschiedene Verfahren:

  • Mechanisches Recycling (Sortieren, Shreddern, Waschen, Trocknen, Sortieren, Compoundieren, Granulieren)
  • Chemisches Recycling (Rückgewinnung der Monomere durch Pyrolyse oder Solvolyse)

Produkte sollen so designt werden, dass sie optimal in Recyclingströme passen und eine hohe Ausbeute (Yield) ergeben.

Buntes Kunststoff-Mahlgut in einem Behälter einer Recyclinghalle

Oder gar auf Plastik verzichten?

Wenn dies ökologisch Sinn macht und wirtschaftlich tragbar ist für Konsument:innen sollte ein Materialwechsel vollzogen werden. Wiederum muss auch hier eine solide, LCA-basierte Betrachtung angestellt werden, ob die Substitution mit einem anderen Material besser abschneidet. Und da haben Kunststoffe gute Karten, da sie die beste Materialeffizienz aufweisen:[17]

PackstoffPackstoff je kg verpacktes Produkt
Glas572 g
PPK (Papier, Pappe, Karton)51 g
Kunststoff24 g
Eisenmetalle114 g
Aluminium45 g
Alle Materialien61 g
Alle Materialien ohne Kunststoff116 g
Alle Materialien ohne Kunststoff und Glas57 g
Materialeffizienz unterschiedlicher Packstoffe im Vergleich (privater Endverbrauch)Quelle: GVM Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (2023) [17].

Vor einem vorschnellen Wechsel von Kunststoff auf andere Materialien warnt auch der Naturschutzbund Deutschland NABU:

«Irreführung der Verbraucherinnen stoppen Aktuell zielt das Engagement von Unternehmen noch zu sehr alleinig auf die Reduktion von Kunststoffen ab, neue Werbeslogans adressieren Eigenschaften wie „plastikfrei“, „kompostierbar“ oder „bioabbaubar“. Viele der Werbeaussagen, die sich dieser Schlagworte bedienen, sind aus Sicht des NABU irreführend für Verbraucherinnen. Bioabbaubare Kunststoffe können nicht recycelt werden und bringen bei der Kompostierung keinen Mehrwert für den Humus. Daher sind sie für den NABU keine gute Verpackungsalternative. Auch dürfen sich die Verbraucher*innen nicht täuschen lassen, wenn Einwegglas oder Papier per se als umweltfreundlichere Verpackungsalternative angepriesen werden.»[18]

In diesem Sinne muss jede Initiative unterstützt werden, welche sich im Bereich Mehrweg oder Recycling für ein nachhaltigeres Kunststoffsystem einsetzt – darunter fällt auch die neue Organisation RecyPac.

Quellen

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